Gedenken und Mahnung

Gedenkfeier für 71 Opfer der SS am Wenzelnberg

24.04.2022

Den Toten zum Gedenken       -       Den Lebenden zur Mahnung

Am 13. April 1945, kurz bevor die Alliierten das Bergische Land erreichten, wurden von den Nationalsozialisten in einer Schlucht des Wenzelnberges 71 Wider­stands­kämpfer und Zwangsarbeiter verschiedener Gefängnisse der Region ohne Prozess hingerichtet und verscharrt.

 

Wir tragen nicht die Verantwortung für das, was unsere Vorfahren taten. Aber wir tragen die Verantwortung für das was wir tun, oder auch nicht tun, dass sich so etwas nicht wiederholen kann.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) sowie die Städte Langenfeld, Solingen, Wuppertal, Leverkusen, Remscheid und Leichlingen richten jährlich eine Gedenkveranstaltung am Mahnmal am Wenzelnberg aus.

 
Gedenkfeier am Wenzelnberg am 24.04.2022

Nach 2 Jahren Pandemiepause fand am 24. April 2022 wieder die jährliche Gedenkfeier statt.
In diesem Jahr lag die Federführung für die Durchführung bei der Stadt Solingen.

 

Auch Mitglieder des Ortsvereins Solingen nahmen an der Gedenkfeier teil und legten einen Kranz zum Gedenken nieder.

 

Chronik des Verbrechens am Wenzelnberg

24. Januar 1945
Das Reichssicherheitshauptamt richtete in einem Telegramm an die Leiter der Staatspolizei in Düsseldorf, Münster, Dortmund und Köln die Aufforderung, "ausländische Arbeiter und ehemalige deutsche Kommunisten", die sich veranlasst sehen könnten, sich umstürzlerisch zu betätigen, "sofort zu vernichten".

7. April 1945
Generalfeldmarschall Walter Model, der oberste Befehlshaber der Heeresgruppe B erließ den Tagesbefehl, Zuchtgefangene, die innerhalb vom Feind eingeschlossener Gefängnisse einsitzen, der Sicherheitspolizei zur sicherheitspolizeilichen Überprüfung zu übergeben. Gleiches gelte für in den Strafanstalten einsitzende Untersuchungshäftlinge, wenn sie wegen politischer Vergehen oder Verbrechen in Haft oder wenn Zuchthaus- oder Todesstrafe zu erwarten seien. Weitere Regelungen sei höheren SS- und Polizeiführern übertragen.

8. - 9. April 1945
Der "Höhere SS- und Polizeiführer West", der SS-Obergruppenführer Karl Gutenberger in Essen erteilte daraufhin dem Kommandeur der Sicherheitspolizei Henschke den entsprechenden Tagesbefehl, der ihn an den Leiter der Gestapo-Außenstelle in Wuppertal, Hufenstuhl weitergab.

10. April 1945
Nach telefonischer Voranmeldung erschienen Kriminalassistent Dahlmann mit drei weiteren Gestapo-Beamten bei Regierungsrat Dr. Engelhardt, Leiter des Zuchthauses Remscheid-Lüttringhausen. Dahlmann verlangte, die sicherheitspolizeiliche Überprüfung der einsitzenden Gefangenen vornehmen zu dürfen. Dem Leiter der Anstalt Dr. Engelhardt gelang es, die ursprünglich geforderten 600 Gefangenen auf 90 zu reduzieren. Des Weiteren gelang ihm die Ausklammerung ausländischer Gefangener.
Zur gleichen Zeit wies Hufenstuhl die Beamten Burmann und Vogel an, eine Grube durch ausländische Zwangsarbeiter ausheben zu lassen. Nachdem man zunächst einen Ort in der Ohligser Heide hierfür vorgesehen hatte, der dann aber nicht sicher genug erschien, entschied man sich für die Schlucht am Wenzelnberg. Den Arbeitern teilte man mit, die Grube, deren Maße genau bestimmt war, werde als Panzergraben benötigt.

12. April 1945
Mit zwei geschlossenen Lastkraftwagen erschien ein starkes Polizeiaufgebot gegen 16 Uhr auf dem Gelände der Haftanstalt. Zur Überraschung der Gestapo stellte sich heraus, dass nur 55 der ursprünglich 90 vorgesehenen Häftlinge zum Abtransport bereitstanden. Dr. Engelhardt konnte noch 35 Häftlinge in Arbeitskommandos unterbringen und sie damit vor dem Zugriff der Gestapo bewahren. Dahlmann erklärt sich daraufhin bereit, nur sechs weitere Häftlinge zu übernehmen, die ihm am nächsten Morgen auf das Polizeipräsidium in Wuppertal überstellt werden sollen. Allerdings gelang noch einem Gefangenen die Flucht, sodass lediglich fünf weitere Häftlinge dem Transport zugewiesen werden konnten.

13. April 1945
In der Frühe wurden die Gefangenen zum Wenzelberg gekarrt. 11 weitere Häftlinge wurden noch aus anderen Haftanstalten den Gefangenen aus Lüttringhausen zugestellt, wobei dies je vier Gefangene aus Wuppertal-Bendahl und Ronsdorf sowie drei Männer unbekannten Namens und unbekannter Herkunft gewesen seien. Nach offiziellen Angaben wurden die Männer dort paarweise an den Daumen zusammengebunden und durch Genickschuss getötet. (Ortsansässige sprechen im Übrigen auch von nicht erschossenen Männern, die gefesselt in die Grube fielen und lebendig begraben wurden.)

14. - 17. April 1945
Am 14. April besetzten Antifaschisten das Rathaus in Solingen-Wald. Nach dem Einzug der 94. US-Infanterie-Division, die damals in Langenfeld stationiert war, wurden die Antifaschisten mit Polizeiaufgaben betraut. Am 17. April meldete ein Mann, der für die Absperrmaßnahmen an der Mordstelle eingesetzt war, den Massenmord dem amerikanischen Kampfkommandanten. Anschließend wurde an der angegebenen Stelle das noch frische Massengrab entdeckt.

27. April 1945
Mitglieder der Solinger Antifa-Gruppe begannen gemeinsam mit einem amerikanischen Sergeanten die Aufklärung der Tat. Gleichzeitig begann die Exhumierung der Toten.

30. April 1945
40 namentlich bekannte NSDAP-Mitglieder hatten nunmehr die 71 Leichen auszugraben.

1. Mai 1945
Beisetzung der Opfer vor dem Rathaus in Solingen-Ohligs. Nach Aufforderung zur Teilnahme an der Trauerfeier nahmen 3000 Menschen teil.

19. Januar 1955
Erneute Exhumierung der Toten.

23. Januar 1965
In 12 Särgen wurden die 71 Getöteten am Wenzelnberg im Rahmen einer Gedenkfeier erneut beigesetzt. Seitdem ist der Ort der Tat auch gleichzeitig Gedenkstätte.

 

Die Täter wurden nicht zur Rechenschaft gezogen

Keiner der namentlich bekannten Gestapo- und Kripobeamten wurde je für die Morde in der Wenzelnbergschlucht bestraft. Denn nach §6 des „Straffreiheitsgesetzes“ von 1954 sollte Straffreiheit für all jene Straftaten gewährt werden, die „unter dem Einfluss der außergewöhnlichen Verhältnisse des Zusammenbruchs zwischen dem 1. Oktober 1944 und dem 31. Juli 1945 in der Annahme einer Amts-, Dienst- oder Rechtspflicht insbesondere auf Grund eines Befehls“ begangen worden waren.
Dies war de facto die Generalamnestie für alle Mörder, die sich „Kriegsendphasen-Verbrechen“ schuldig gemacht hatten.

Die Namen der Opfer

  1. Ludwig Baumann
  2. Hugo Breemkötter
  3. Josef Breuer
  4. Leopold Choncenzey
  5. Wilhelm Clemens
  6. Christian Döhr
  7. Heinrich Dietz
  8. Adolf Führer
  9. Bernhard Funkel
  10. Wilhelm Fatscher
  11. Johann Galwelat
  12. Otto Gaudig
  13. Karl Gabowski
  14. Wilhelm Gietmann
  15. Albert Grandt
  16. Johann Hense
  17. Adolf Hermanns
  18. Karl Horn
  19. Wilhelm Hanrath
  20. Hans Holzer
  21. Ferdinand Jahny
  22. Wincente Jankowski, Polen
  23. Hermann Jäger
  24. Friedrich Knopp
  25. Artur Koch
  26. Friedrich Kamleiter
  27. Jakob Krieger sen.
  28. Josef Kuhnt
  29. Heinrich Kubick
  30. Rudolf Käferhaus
  31. Daniel Kresanowski, UdSSR
  32. Walter Kuhlmann
  33. Wilhelm Kranz
  34. Max Lang
  35. Erich Lohmer
  36. Paul Lisziun
  37. Hermann Landtreter
  38. Horst Lettow
  39. Henri Liebisch
  40. Ferdinand Margreiter
  41. Heinrich Marth
  42. Otto Markus
  43. Gustav Marnitz
  44. Franz Müller
  45. Walter Nell
  46. Josef Nikolay
  47. Hubert Offergeld
  48. Heinrich Rode
  49. Adolf Röder
  50. Herbert Runkler
  51. Sylvester Sniatecki
  52. Heinrich Schlieper
  53. Karl Schulz
  54. Wilhelm Stangier
  55. Mitrofan Saitzki, UdSSR
  56. Franz Spitzlei
  57. Theodor Schmidt
  58. Johann Schyra
  59. Paul Tegethoff
  60. Max Thiemann
  61. Josef Thiemann
  62. Heinrich Tries
  63. Paul Wodzinski
  64. Karl Wallraven
  65. Hans Wimmershof
  66. Wilhelm Wigeroth
  67. Viktor Wolynec, UdSSR
  68. August Zywitzki
  69. Unbekannt
  70. Unbekannt
  71. Unbekannt