Solingen

    Gedenkfeier für 71 Opfer der SS am Wenzelnberg

    Gedenkfeier für 71 Opfer der SS am Wenzelnberg

    Den Toten zum Gedenken       -       Den Lebenden zur Mahnung

    Am 13. April 1945, kurz bevor die Alliierten das Bergische Land erreichten, wurden von den Nationalsozialisten in einer Schlucht des Wenzelnberges 71 Wider­stands­kämpfer und Zwangsarbeiter verschiedener Gefängnisse der Region ohne Prozess hingerichtet und verscharrt.

    Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) sowie die Städte Langenfeld, Solingen, Wuppertal, Leverkusen, Remscheid und Leichlingen richten jährlich eine Gedenkveranstaltung am Mahnmal am Wenzelnberg aus.

    Etwa 250 Menschen nahmen an der diesjährigen Gedenkfeier am 29. April 2018 am Wenzelnberg teil und gedachten der 71 Opfer.

    Auch Mitglieder des Ortsvereins Solingen nahmen an der Gedenkfeier teil und legten einen Kranz zum Gedenken nieder.

    Wenzelnberg, 29.04.2018 Sabine Hilgenberg Wenzelnberg, 29.04.2018
    Wenzelnberg, 29.04.2018 Sabine Hilgenberg Wenzelnberg, 29.04.2018
    Wenzelnberg, 29.04.2018 Sabine Hilgenberg Wenzelnberg, 29.04.2018

    Chronik des Verbrechens am Wenzelnberg

    24. Januar 1945
    Das Reichssicherheitshauptamt richtete in einem Telegramm an die Leiter der Staatspolizei in Düsseldorf, Münster, Dortmund und Köln die Aufforderung, "ausländische Arbeiter und ehemalige deutsche Kommunisten", die sich veranlasst sehen könnten, sich umstürzlerisch zu betätigen, "sofort zu vernichten".

    7. April 1945
    Generalfeldmarschall Walter Model, der oberste Befehlshaber der Heeresgruppe B erließ den Tagesbefehl, Zuchtgefangene, die innerhalb vom Feind eingeschlossener Gefängnisse einsitzen, der Sicherheitspolizei zur sicherheitspolizeilichen Überprüfung zu übergeben. Gleiches gelte für in den Strafanstalten einsitzende Untersuchungshäftlinge, wenn sie wegen politischer Vergehen oder Verbrechen in Haft oder wenn Zuchthaus- oder Todesstrafe zu erwarten seien. Weitere Regelungen sei höheren SS- und Polizeiführern übertragen.

    8. - 9. April 1945
    Der "Höhere SS- und Polizeiführer West", der SS-Obergruppenführer Karl Gutenberger in Essen erteilte daraufhin dem Kommandeur der Sicherheitspolizei Henschke den entsprechenden Tagesbefehl, der ihn an den Leiter der Gestapo-Außenstelle in Wuppertal, Hufenstuhl weitergab.

    10. April 1945
    Nach telefonischer Voranmeldung erschienen Kriminalassistent Dahlmann mit drei weiteren Gestapo-Beamten bei Regierungsrat Dr. Engelhardt, Leiter des Zuchthauses Remscheid-Lüttringhausen. Dahlmann verlangte, die sicherheitspolizeiliche Überprüfung der einsitzenden Gefangenen vornehmen zu dürfen. Dem Leiter der Anstalt Dr. Engelhardt gelang es, die ursprünglich geforderten 600 Gefangenen auf 90 zu reduzieren. Des Weiteren gelang ihm die Ausklammerung ausländischer Gefangener.
    Zur gleichen Zeit wies Hufenstuhl die Beamten Burmann und Vogel an, eine Grube durch ausländische Zwangsarbeiter ausheben zu lassen. Nachdem man zunächst einen Ort in der Ohligser Heide hierfür vorgesehen hatte, der dann aber nicht sicher genug erschien, entschied man sich für die Schlucht am Wenzelnberg. Den Arbeitern teilte man mit, die Grube, deren Maße genau bestimmt war, werde als Panzergraben benötigt.

    12. April 1945
    Mit zwei geschlossenen Lastkraftwagen erschien ein starkes Polizeiaufgebot gegen 16 Uhr auf dem Gelände der Haftanstalt. Zur Überraschung der Gestapo stellte sich heraus, dass nur 55 der ursprünglich 90 vorgesehenen Häftlinge zum Abtransport bereitstanden. Dr. Engelhardt konnte noch 35 Häftlinge in Arbeitskommandos unterbringen und sie damit vor dem Zugriff der Gestapo bewahren. Dahlmann erklärt sich daraufhin bereit, nur sechs weitere Häftlinge zu übernehmen, die ihm am nächsten Morgen auf das Polizeipräsidium in Wuppertal überstellt werden sollen. Allerdings gelang noch einem Gefangenen die Flucht, sodass lediglich fünf weitere Häftlinge dem Transport zugewiesen werden konnten.

    13. April 1945
    In der Frühe wurden die Gefangenen zum Wenzelberg gekarrt. 11 weitere Häftlinge wurden noch aus anderen Haftanstalten den Gefangenen aus Lüttringhausen zugestellt, wobei dies je vier Gefangene aus Wuppertal-Bendahl und Ronsdorf sowie drei Männer unbekannten Namens und unbekannter Herkunft gewesen seien. Nach offiziellen Angaben wurden die Männer dort paarweise an den Daumen zusammengebunden und durch Genickschuss getötet. (Ortsansässige sprechen im Übrigen auch von nicht erschossenen Männern, die gefesselt in die Grube fielen und lebendig begraben wurden.)

    14. - 17. April 1945
    Am 14. April besetzten Antifaschisten das Rathaus in Solingen-Wald. Nach dem Einzug der 94. US-Infanterie-Division, die damals in Langenfeld stationiert war, wurden die Antifaschisten mit Polizeiaufgaben betraut. Am 17. April meldete ein Mann, der für die Absperrmaßnahmen an der Mordstelle eingesetzt war, den Massenmord dem amerikanischen Kampfkommandanten. Anschließend wurde an der angegebenen Stelle das noch frische Massengrab entdeckt.

    27. April 1945
    Mitglieder der Solinger Antifa-Gruppe begannen gemeinsam mit einem amerikanischen Sergeanten die Aufklärung der Tat. Gleichzeitig begann die Exhumierung der Toten.

    30. April 1945
    40 namentlich bekannte NSDAP-Mitglieder hatten nunmehr die 71 Leichen auszugraben.

    1. Mai 1945
    Beisetzung der Opfer vor dem Rathaus in Solingen-Ohligs. Nach Aufforderung zur Teilnahme an der Trauerfeier nahmen 3000 Menschen teil.

    19. Januar 1955
    Erneute Exhumierung der Toten.

    23. Januar 1965
    In 12 Särgen wurden die 71 Getöteten am Wenzelnberg im Rahmen einer Gedenkfeier erneut beigesetzt. Seitdem ist der Ort der Tat auch gleichzeitig Gedenkstätte.

     

    Die Täter wurden nicht zur Rechenschaft gezogen

    Keiner der namentlich bekannten Gestapo- und Kripobeamten wurde je für die Morde in der Wenzelnbergschlucht bestraft. Denn nach §6 des „Straffreiheitsgesetzes“ von 1954 sollte Straffreiheit für all jene Straftaten gewährt werden, die „unter dem Einfluss der außergewöhnlichen Verhältnisse des Zusammenbruchs zwischen dem 1. Oktober 1944 und dem 31. Juli 1945 in der Annahme einer Amts-, Dienst- oder Rechtspflicht insbesondere auf Grund eines Befehls“ begangen worden waren.
    Dies war de facto die Generalamnestie für alle Mörder, die sich „Kriegsendphasen-Verbrechen“ schuldig gemacht hatten.

    Die Namen der Opfer

    1. Ludwig Baumann
    2. Hugo Breemkötter
    3. Josef Breuer
    4. Leopold Choncenzey
    5. Wilhelm Clemens
    6. Christian Döhr
    7. Heinrich Dietz
    8. Adolf Führer
    9. Bernhard Funkel
    10. Wilhelm Fatscher
    11. Johann Galwelat
    12. Otto Gaudig
    13. Karl Gabowski
    14. Wilhelm Gietmann
    15. Albert Grandt
    16. Johann Hense
    17. Adolf Hermanns
    18. Karl Horn
    19. Wilhelm Hanrath
    20. Hans Holzer
    21. Ferdinand Jahny
    22. Wincente Jankowski, Polen
    23. Hermann Jäger
    24. Friedrich Knopp
    25. Artur Koch
    26. Friedrich Kamleiter
    27. Jakob Krieger sen.
    28. Josef Kuhnt
    29. Heinrich Kubick
    30. Rudolf Käferhaus
    31. Daniel Kresanowski, UdSSR
    32. Walter Kuhlmann
    33. Wilhelm Kranz
    34. Max Lang
    35. Erich Lohmer
    36. Paul Liszum
    37. Hermann Landtreter
    38. Horst Lettow
    39. Henri Liebisch
    40. Ferdinand Margreiter
    41. Heinrich Marth
    42. Otto Markus
    43. Gustav Marnitz
    44. Franz Müller
    45. Walter Nell
    46. Josef Nikolay
    47. Hubert Offergeld
    48. Heinrich Rode
    49. Adolf Röder
    50. Herbert Runkler
    51. Sylvester Sniatecki
    52. Heinrich Schlieper
    53. Karl Schulz
    54. Wilhelm Stangier
    55. Mitrofan Saitzki, UdSSR
    56. Franz Spitzlei
    57. Theodor Schmidt
    58. Johann Schyra
    59. Paul Tegethoff
    60. Max Thiemann
    61. Josef Thiemann
    62. Heinrich Tries
    63. Paul Wodzinski
    64. Karl Wallraven
    65. Hans Wimmershof
    66. Wilhelm Wigeroth
    67. Viktor Wolynec, UdSSR
    68. August Zywitzki
    69. Unbekannt
    70. Unbekannt
    71. Unbekannt