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    Pflege steht auf!

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    Pflege steht auf!

    Fachbereichszeitung drei (52/2014)
    drei.52 (2014) Bundesfachbereich 03 drei.52 (2014)

    Beschäftigte der Homburger Uniklinik wehren sich gegen Personalnot

    Seit einem Jahr liegen Pflegekräfte und andere Krankenhausbeschäftigte am Boden, um gegen Überlastung und miese Arbeitsbedingungen zu protestieren. So auch am 11. Oktober in Homburg an der Saar. Aus dem Lautsprecher läutet es 13 mal. Auf ein Zeichen der Krankenschwester Susanne Reimer-Jahr stehen alle auf: Der Homburger Aufstand.

    Suche nach Lösungen
    Ganz im Westen der Republik, im saarländischen Homburg, ist den Kolleginnen und Kollegen der ver.di-Betriebsgruppe in den Unikliniken die Hutschnur geplatzt. Ihr Sprecher Frank Murer: »Wir haben Resolutionen verfasst, die öffentliche Diskussion entfacht und uns zu Boden gelegt«, sagt er. »Wir haben mit unseren Lokal- und Landespolitikern gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten gesucht, hierbei auch Unterstützung erfahren. Die Bundesregierung müsste die Personalbemessung per Gesetz anordnen.«

    Anästhesieschwester Charlotte Matheis ist empört, weil nur noch das Geld zählt. »Es wird auf Kosten des Personals gespart – egal ob bei Reinigungskräften, in der Technik oder bei uns in der Pflege.«

    Wer, wenn nicht wir?
    400 Menschen haben sich in Homburg versammelt, auch aus Altenheimen und anderen Krankenhäusern der Region. Gewerkschaftssekretär Michael Quetting erläutert die Vorschläge von ver.di. »Wir wollen eine gesetzliche Personalbemessung – jetzt!« Die Unterfinanzierung der Kliniken sei ein Skandal. Die Lösung sieht Quetting in einem Verbundklinikum für die Region, das von denen geführt wird, die es bezahlen. »Es ist an der Zeit aufzustehen. Wir haben lange genug auf dem Boden gelegen. Es hilft uns keiner auf. Wer, wenn nicht wir selbst?«

    Im tiefen Westen hat man so seine Erfahrung mit Aufständen. In Homburg organisierten Demokraten 1832 das Hambacher Fest, 1848 kam es zur Revolution. Bewusst knüpften die Organisatoren an diese Geschichte an, ein »Aufstandskomitee« kaperte das Freiheitsdenkmal und gab den Aufruf zur Aktion heraus.

    Die Bereiche und Stationen der Uniklinik haben auf Kissen die konkreten Fehlzahlen für das Personal eingetragen und einer Wäscheleine zwischen ver.di-Feuerwehrauto und Bühne aufgehängt. Die Pflegegruppe aus Saarbrücken hat ihren Flashmob nach Homburg verlegt, die Kolleginnen der Berliner Charité sind mit einer Grußbotschaft per Audioclip dabei.

    Begeisterung kommt auf, als die angehenden Ärzte Antonia W. und Lukas S. live »Atemnot in der Nacht« singen. Das Video, nach der Melodie von Helene Fischers »Atemlos durch die Nacht«, macht seit Monaten im Internet Furore (www.youtube.com/watch?v=Kp51XLL0x0M).

    Und wie soll der Aufstand aussehen? »Vernetzen, organisieren, kämpfen «, so die Zielstellung der Homburger. Ihre Vorschläge richten sich an jeden persönlich, an die Interessenvertretungen
    und an ver.di:

    • Persönlich sollten wir nur noch so arbeiten, wie wir es müssen. So zwingen wir die Verantwortlichen zum Handeln. Denkt an eure Familie und euer Leben. Organisiert Euch in ver.di, werdet aktiv. Beschwert euch wegen Überlastung und Patientengefährdung beim Arbeitgeber und eurer Interessenvertretung.
    • Die Betriebs- und Personalräte sowie Mitarbeitervertretungen fordern wir auf: Lasst keine Verletzung des Arbeitszeitgesetzes mehr zu. Verweigert eure Zustimmung zu den skandalösen Dienstplänen.
    • An die ver.di-Gruppen in den Betrieben geht der Appell: Schafft überall Widerstandsnester. Organisiert Ultimaten, werbt Mitglieder. Wir schaffen eine Organisation, die den Missstand beseitigt.

    »Eine ausreichende Personalbemessung bekommen wir nur, wenn wir sie durchsetzen.« So die einhellige Meinung an diesem Samstag im saarpfälzischen Homburg.

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    Dieses und viele weitere Themen in der aktuellen drei.52