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    Sozial- und Erziehungsdienst: Richtig gut. Richtig was wert.

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    Sozial- und Erziehungsdienst: Richtig gut. Richtig was wert.

    Kircheninfo (25/2015)
    Kircheninfo (25/2015) ver.di Kircheninfo (25/2015)  – Sozial- und Erziehungsdienst: Richtig gut. Richtig was wert.

    Dienstgemeinschaft statt Dienstherrschaft

    »Ich plädiere für eine öffentliche Diakonie, also eine Diakonie, die die Gesellschaft und ihre Veränderungen abbildet«, so der neue Präsident der Diakonie Ulrich Lilie in einem Interview des Evangelischen Pressedienstes sozial (epd sozial) vom 23. Januar 2015.

    Kirchliche Beschäftigte hören manchmal genau hin, wenn ihre Repräsentanten sich zu Veränderungen in der Gesellschaft zu Wort melden. Verwundert reibt sich die Leserin oder der Leser nun die Augen: Der Chef von 425.000 Arbeitnehmer/innen ruft in diesem Interview zu einem Miteinander der Kulturen auf, hier besonders mit den muslimischen Mitbürger/innen. Gut so, möchte man meinen. Wer allerdings die Realitäten in den 28.000 diakonischen Einrichtungen kennt, möchte Ulrich Lilie zurufen: Wie halten Sie es mit dem kulturellen Umgang in den eigenen diakonischen vier Wänden?

    Einige Schlaglichter:
    Noch gilt in vielen evangelischen Landeskirchen in den Mitarbeitervertretungsgesetzen die sogenannte ACKKlausel. D.h. jede/r gewählte Mitarbeitervertreter/in muss Mitglied einer Kirche sein, die der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen angehört. Die Realität sieht anders aus: Nach eigenen Angaben waren im Jahr 2008 von den Mitarbeiter/innen in der Diakonie in Deutschland nur 53 Prozent evangelisch und 16,5 Prozent konfessionslos. Angesichts der Tatsache, dass die Einstellungspraxis diakonischer Arbeitgeber sich also mittlerweile der vielfältigen Bevölkerungsstruktur und den fehlenden Fachkräften angepasst hat, gehört diese Regelung schlicht gestrichen.

    Nach wie vor dürfen kirchliche Arbeitnehmer/innen nicht aus der Kirche austreten. Fristlose Kündigung droht. Und selbst Beschäftigte in evangelischen Einrichtungen, die katholischen Glaubens sind, dürfen aus ihrer (katholischen) Kirche nicht austreten. Und mehr hierzu: Kürzlich ließ sich die Evangelische Kirche vom Bundesarbeitsgericht bestätigen, dass sie das Tragen eines Kopftuches verbieten dürfe. Musliminnen werden in kirchlichen Einrichtungen nicht oder nur mit Auflagen eingestellt.

    Wir meinen:
    Diese Beispiele belegen den hohen Handlungsbedarf, um »öffentliche Diakonie« Wirklichkeit werden zu lassen. Mehr noch: Nicht nur an diesen Beispielen wird sichtbar, dass hoher Reformbedarf im kirchlichen Arbeitsrecht besteht, um den in Deutschland geltenden Grundrechten angemessen zum Durchbruch zu verhelfen. Streikrecht, Tarifverträge, Mitbestimmung lauten die bekannten Stichworte, die mittlerweile jedem Kirchenchef bekannt sein dürften.

    Dieses Kirchen.info Nr. 25 ist eine kleine Jubiläumsausgabe. Dreimal im Jahr berichten wir über die kirchliche Arbeitswelt, die, so meinen wir, mit einer echten »Dienstgemeinschaft« nur wenig zu tun hat. Kolleg/innen aus der Diakonie Württemberg prägten stattdessen den Begriff »Dienstherrschaft«. Die Redaktion des Kirchen.infos hofft, dass es nicht noch einmal 25 Ausgaben braucht, um endlich kirchliche Dienstherrschaft in ein echtes demokratisches Miteinander umzuwandeln.

    Redaktion Kirchen.info