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    Für eine humane Psychiatrie

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    Für eine humane Psychiatrie

    Fachbereichszeitung drei.56 (2015)
    drei.56 (2015) ver.di drei.56 (2015)  – Für eine humane Psychiatrie

    Die Behandlung psychisch kranker Menschen braucht Zeit und Personal. Und sie darf nicht zur Ware verkommen. Das machten rund 1.500 Beschäftigte aus psychiatrischen Einrichtungen deutlich, die Ende November lautstark durch das Berliner Regierungsviertel zogen.               

    »Wir wollen nicht zurück zur Verwahrpsychiatrie«, bringt es der Heilerziehungspfleger Klaus Balogh auf den Punkt. Gemeinsam mit etlichen Kolleginnen und Kollegen ist der 60-Jährige aus dem schwäbischen Ravensburg nach Berlin gereist. Was er den Politikern und speziell Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) klarmachen will, steht auf einem roten Pappschild, das er an seinen Hut geklemmt hat: »Anti-PEPP!«

    Das »Pauschalierende Entgeltsystem für Psychiatrie und Psychosomatik« (PEPP) soll Ende 2016 verbindlich eingeführt werden. Zwei Jahre später soll die Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV) wegfallen, die bisher Personalstandards für die Behandlung psychisch Kranker festschreibt. Beides zusammen würde zu starken Einschnitten führen, sind Balogh und seine Mitstreiter überzeugt. »Das wäre ein Schritt zurück in die Vergangenheit.« Hart erkämpfte Errungenschaften stehen auf dem Spiel.

    »Es geht um viel«, betont ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler auf der Kundgebung vor dem Gesundheitsministerium. »40 Jahre Psychiatriereform für eine humane Versorgung – das lassen wir uns nicht kaputtmachen.« Sie verweist auf die Forderung nach einer gesetzlichen Personalbemessung in somatischen Krankenhäusern, für die sich ver.di seit geraumer Zeit einsetzt, weil gefährliche Pflege und krank machende Arbeitsbedingungen dort Alltag sind. »Wir müssen verhindern, dass es in den psychiatrischen Kliniken genauso weit kommt«, sagt Bühler. Die Psych-PV dürfe nicht abgeschafft, sondern müsse weiterentwickelt werden.

    Große Arbeitsbelastung

    Schon jetzt ist die Arbeit in psychiatrischen Einrichtungen hart. »Die Arbeitsbelastung hat wahnsinnig zugenommen«, berichtet der Personalrat Bruno Sing vom Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in Bad Schussenried. »Gerade hat eine Kollegin nach 25 Jahren gekündigt und ist Verkäuferin geworden.« Seine Befürchtung: Bei Umsetzung der Regierungspläne würde es noch weitaus schlimmer. »Unsere Geschäftsleitung macht jetzt schon Pläne für Einsparungen, wenn PEPP verbindlich eingeführt wird.« Die Folgen wären sowohl für Patienten als auch Beschäftigte fatal. »Bei einer vernünftigen Personalausstattung müssen wir viel weniger Zwang und Gewalt anwenden«, sagt der Arzt Martin Kleinschmidt von der Charité. Allein durch den zusätzlichen Dokumentationsaufwand wegen PEPP gingen der psychiatrischen Abteilung am Berliner Uniklinikum anderthalb Vollzeitstellen verloren, rechnet er vor. »Wir wollen Zeit haben für unsere Patienten, nicht für die Akten.« Der Mediziner betont, dass die Verschlechterungen viele Menschen betreffen. Schließlich habe statistisch gesehen jeder Dritte einmal in seinem Leben eine psychische Erkrankung.

    Folgerichtig ist, dass sich die Beschäftigten und ihre Gewerkschaft ver.di in einem breiten Bündnis mit sozialen Initiativen und Fachverbänden zusammengeschlossen haben, um PEPP sowie die Abschaffung der Psych-PV zu verhindern. »Ich freue mich, dass Profis für ihre Sache auf die Straße gehen«, sagt Marianne Schumacher vom Berliner Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker. Das Bundesverfassungsgericht habe deutlich gemacht, dass die Anwendung von Zwang in der Psychiatrie nur im äußersten Notfall nach Ausschöpfung aller therapeutischer Möglichkeiten erfolgen darf. »Hierfür braucht es Zeit und Personal.« Dafür wollen sich Pflegekräfte, Ärzte und Betroffene weiter gemeinsam einsetzen.


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